Ich bin es mir wert

Ich bin es mir wert zu atmen.
Ich bin mir zu schade, um gerade mal nur eben Luft zu holen.

Ich bin es mir wert zu tun, was mir wichtig ist.
Ich bin mir zu schade, meine Lebenszeit, meine Kraft und Fantasie zu verkaufen.

Ich bin es mir wert, meine Zeit selbst einzuteilen.
Ich bin mir zu schade, mein Leben von Weckern und Terminplanern bestimmen zu lassen.

Ich bin es mir wert, im lebendigen Wald zu leben.
Ich bin mir zu schade, um in lebensfeindlichen Städten oder umgeben von Ackerwüsten mein Dasein zu fristen.

Mein Körper ist es mir wert, dass ich ihm lebendige Nahrung gebe.
Er ist mir zu schade, um ihn mit minderwertigem Industriefraß vollzustopfen.

Meine Kinder sind es mir wert, mit ihnen zu leben.
Sie sind mir zu schade, um sie in Betreuungs- und Bildungsanstalten abzuschieben.

Ich bin es mir wert, meine Sinne zu öffnen für das Elend und den Horror dieser Welt.
Ich bin mir zu schade dafür, eine Scheinwelt zu erdenken um den Schmerz nicht fühlen zu müssen.

Ich bin es mir wert, glücklich zu sein.
Ich bin mir zu schade dafür, gut drauf zu sein.

Ich bin es mir wert, echt zu sein.
Ich bin mir zu schade, mich nett und kultiviert zu geben, um für andere angenehm zu sein.

Ich bin es mir wert, all dies immer noch mehr zu gelebter Wirklichkeit werden zu lassen!

Was bist du dir wert?

Vom Wahnsinn des Geldverdienenmüssens

Vor Kurzem – einen Monat vor dem dritten Geburtstag meines Sohnes – erhielt ich einen Brief vom Jobcenter.
Ich beziehe sogenannte Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes. Aus Sicht der Beamten habe ich nun lange genug gefaulenzt und wird es Zeit für den „Wiedereinstieg in den Beruf“. In dem Schreiben stehen Fragen wie „Liegt die Anmeldebestätigung der Kita vor?“. Ich werde nicht gefragt, ob ich überhaupt „wiedereinsteigen“ und meinen Sohn in Fremdbetreuung geben will.

„Wiedereinstieg“ ist ohnehin das falsche Wort, denn ich war auch vor der Geburt meines dritten Kindes zu Hause und ich bin alles andere als arbeitslos.
Meine Familie ist tagsüber zu Hause. Unsere großen Mädchen – sie sind 11 und 13 Jahre alt – gehen nicht zur Schule, und unsere kleinen Jungen nicht in den Kindergarten. In unserer Trommelbauwerkstatt entstehen wunderbare Rahmentrommeln, die für einen Teil unseres Einkommens sorgen. Wir werkeln mit Holz und Lehm an einem alten Fachwerkhaus und bewirtschaften einen Garten.
So wie Menschen in früheren Zeiten gehe ich meinem Tagewerk nach. Die verschiedenen Tätigkeiten wandeln sich mit den Jahreszeiten, sind sinnvoll und erfüllen mich mit Freude. Ich lasse mir von niemandem einreden, dass sie keinen Wert hätten, nur weil ich dafür kein Geld erhalte. Ich kann tätig sein und gleichzeitig für meine Kinder da sein, so wie es fast die gesamte Menschheitsgeschichte über ganz selbstverständlich war.
Meine Tage sind ausgefüllt und ich wüsste nicht, weshalb ich außerhalb arbeiten gehen sollte.

Arbeiten und warten auf
Ich wurde 1976 in eine Welt geboren, in der Menschen zur Arbeit gehen.
Niemand kam auch nur auf die Idee, dass es anders sein könnte.

Die Menschen verbrachten nach Altersgruppen sortiert ihre Tage in voneinander getrennten Welten. In meinem Geburtsland, der DDR, gingen schon damals auch die Mütter arbeiten. Jeden Morgen wurden die kleinen Kinder in Kinderkrippe oder Kindergarten gebracht, gingen die großen Kinder zur Schule und die Erwachsenen zur Arbeit.
Arbeiten gehen und Geld verdienen, das machte einen großen Teil des Lebens aus. Auch in der so genannten „Freizeit“ drehten sich viele Gespräche um die Arbeit.

Und alle warteten immer auf das Wochenende.
Waren Freitagabend meistens froh und Sonntagabend übellaunig.
Warteten auf den Urlaub, monatelang.
War der lang ersehnte Sommerurlaub verregnet, war die giftige Stimmung unerträglich und hieß es wieder ein ganzes Jahr lang warten.
Warteten weiter auf die Rente.
Mein Vater hatte in seinen letzten beiden Arbeitsjahren eine Abstreichliste an der Wand hängen, auf der er die verbleibenden Tage bis zur Rente zählte.

Ich konnte nicht sehen, dass irgendjemand Freude daran hatte, arbeiten zu gehen.
Es gab viele Dinge, die ich gerne tat. Es gab jedoch nichts, was in mir die Lust weckte, einmal selbst arbeiten zu gehen.

Mein Schulalltag war auch jetzt schon nicht viel anders als die Welt der Erwachsenen. Alle sprachen vom „Ernst des Lebens“. Neben der Mathearbeit, der Pionierarbeit und später der Gruppen- und Projektarbeit gab es zusätzlich Hausarbeiten.
Auch wenn ich einiges davon gerne machte, wartete ich doch genau wie meine Eltern immer auf das Wochenende und die Ferien.
Dann konnte ich ausschlafen, lesen, spielen oder im Wald sein – so lange, wie ich wollte.

Eigene Wege
Nach der Schulzeit besetzte ich mit einer Handvoll Freunde ein Haus. Hier hatten wir einen Freiraum, in dem wir vieles nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten konnten. Doch auch wenn wir nur wenig davon brauchten, ging es nicht ohne Geld.
Ich wollte leben! Ich wollte keine Lehre anfangen, studieren oder arbeiten gehen.
Zum Glück gab es die Möglichkeit, das erste eigene Geld in einem Freiwilligen Ökologischen Jahr zu verdienen.
Nach diesem Jahr hatte ich genug gespart, um mir einen lang gehegten Traum zu erfüllen: ich trampte mit meinem damaligen Freund ein halbes Jahr durch Australien.
Im darauf folgenden Jahr war ich mit einer Freundin ein halbes Jahr in Asien unterwegs.

Danach war mein Geld aufgebraucht und ich wusste nicht, wie ich weiter die Welt erkunden und Sprachen lernen konnte. Denn das tat ich am liebsten. Ich hatte eine Leidenschaft für Sprachen und lernte sie leicht und schnell.
Aber sollte ich deshalb Sprachen studieren? Alle anderen aus meiner Klasse hatten längst einen Job oder studierten und ich spürte den allseitigen Druck, etwas „Sinnvolles“ tun zu müssen. Doch bei einem Sprachstudium würde ich in einem Unigebäude hocken, mit Büchern und Heften, während ich doch draußen sein wollte und mit den Menschen in ihrem Land erzählen!
Am Ende entschied ich mich für ein Studium in Naturschutz an einer Fachhochschule, weil es da zwei Praxissemester gab und ich hoffentlich viel im Freien sein würde. Wir waren tatsächlich mehr auf Exkursionen und bei praktischen Übungen draußen als Universitätsstudenten und ich konnte die Praxissemester im Ausland verbringen, aber trotzdem war alles schrecklich verschult. Ich blieb den Vorlesungen immer häufiger fern und machte lieber Radtouren in die wunderschöne Umgebung.

Nach dem Studium löste ich mein Zimmer auf, verschenkte einen Großteil meiner Sachen und hatte nun keinen festen Wohnsitz mehr. Das Freiheitsgefühl verlieh mir Flügel. Ich trampte durch Deutschland und Europa und verbrachte einige Zeit bei verschiedenen Selbstversorger-Gemeinschaften. Hier fühlte ich mich dem Leben wieder viel näher. Ich half im Garten und im Stall, beim Käsen, Schafe hüten und Brot backen. Nach zwei Jahren bekam ich Lust, selbst eine solche Gemeinschaft mit aufzubauen.

Nicht genug zum Leben
Wir waren zehn Erwachsene und sechs Kinder, als wir ein altes Gutshaus mit Land dazu kauften. Nach einer Weile hatten wir einen großen Garten, einen kleinen Hofladen, Pferde, Schafe und Bienen. Das bisschen Taschengeld, das wir hiermit verdienten, reichte bei weitem nicht zum Leben und wir mussten zusätzlich Arbeitslosengeld beantragen.
Ich war inzwischen Mutter geworden und erhielt es, ohne mich verbiegen zu müssen.

Als ich fast zwei Jahre nach dem ersten mein zweites Kind zur Welt brachte, gab es unsere Hofgemeinschaft nicht mehr. Inzwischen lebte meine Familie in einer Mietswohnung im Haus von Freunden.
Sobald meine zweite Tochter drei Jahre alt wurde, begann das Arbeitsamt Druck zu machen. Ich war nun 35 Jahre alt und hatte bisher tun können, was mir selbst sinnvoll erschien, ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen. Nun war es damit vorbei. Plötzlich musste ich mich rechtfertigen.
Man war der Meinung, dass ich meine Kinder in den Kindergarten bringen und Geld verdienen müsse. Plötzlich redete man mit mir, wie es früher meine Eltern getan hatten. Es gab eine ellenlange Liste von Verhaltensmaßregeln. Ich hatte immer zu Hause erreichbar zu sein und um Erlaubnis zu fragen, wenn ich wegfahren wollte. Ich hatte einem mysteriösen Arbeitsmarkt immer zur Verfügung zu stehen.
Dabei war es vollkommen gleichgültig, was für eine Arbeit ich ausführte. Ich konnte die Erde mit Gift vollspritzen, Müllberge produzieren oder Menschen demütigen – wichtig war nur, dass ich dafür Geld erhielt.
Zu diesem Zweck war so ziemlich alles „zumutbar“, wie es in den Jobcenter-Formulierungen hieß. Für Geld hatten Menschen dazu bereit zu sein, ihre Heimat zu verlassen, jeden Tag stundenlang zur Arbeit zu fahren und nachts oder am Wochenende zu arbeiten.
Es interessierte niemanden, dass ich selbst für meine Kinder sorgte, dass sie bei mir lebenswichtige Dinge lernten, dass ich selbst Gemüse anbaute, Brot buk und gesundes Essen kochte und eine Singgruppe leitete, in der wir wunderschöne mehrstimmige Lieder sangen. Das alles galt als Nichtstun, denn dafür bekam ich kein Geld.

Die jahrelange Programmierung, dass man Geld verdienen muss, um wertvoll zu sein, war auch bei mir noch wirksam. Ich spürte oft ein leises Schuldgefühl, wenn meine Nachbarn morgens zur Arbeit fuhren und schaffte es noch nicht, mich selbst für das anzuerkennen, was ich tat und für das es von außen keine Anerkennung gab.
Das hat sich mit den Jahren geändert. Den Jobcenter-Mitarbeitern, die meinen, dass sie über mich und mein Leben bestimmen könnten, sage ich mittlerweile ins Gesicht, dass mein nährender „Job“ um ein Vielfaches wichtiger ist als ihre Schreibtischtaten. Sorgearbeit wird in unserer Welt nicht honoriert, doch sie ist die Grundlage für alles andere. Meine Familie ist mir zu wertvoll, um sie der Marktwirtschaft zu opfern!

HartzIV als Schadensersatz
Würde ich arbeiten gehen, hätte ich kaum noch Zeit für all das, wofür ich jetzt selbst sorge. Ich müsste für viele Dinge Geld haben, die ich gar nicht brauche und auch gar nicht will – minderwertige Großküchen-Mahlzeiten für mich und meine Kinder, Fremdbetreuung, Transport zu Arbeit und Betreuungsstätten usw. Viele Stunden würde ich also nur dafür arbeiten, dass ich arbeiten gehe.

Auch in alternativen Zusammenhängen wird Geldverdienen mit Selbständigkeit gleichgesetzt. Aber ist wirklich selbständig, wer alles Lebensnotwendige kauft und nicht mehr weiß, wie man sich eine Unterkunft baut, Kleidung anfertigt oder für sein Essen sorgt?
Fast die gesamte Menschheitsgeschichte über konnten Menschen aus ihrer unmittelbaren Umgebung leben – sich eine Behausung bauen, sich mit Nahrung versorgen, Holz zum Bauen, Kochen und Wärmen aus dem Wald holen usw. Das ist unser menschliches Geburtsrecht!
In dieser aus den Fugen geratenen Welt sind wir jedoch gezwungen, für alles zu bezahlen. Um das dafür benötigte Geld zu verdienen, müssen wir uns verkaufen.
Ich sehe Hartz IV als eine Art Schadensersatz. Es versetzt mich in die Lage, inmitten des alltäglichen Wahnsinns ein einigermaßen menschwürdiges Leben zu führen.

Märchenstunde/Wir haben es alle geschluckt
In den Medien wird regelmäßig das Märchen vom faulen Sozialschmarotzer erzählt.
Wir haben uns das sehr zu Herzen genommen. Wer will schon auf Kosten anderer leben? Wer will von anderen als faul und unselbständig verurteilt werden? Wer will als arm und bedürftig gering geschätzt werden? Menschen nehmen lieber sinnlose, entwürdigende und völlig unterbezahlte Beschäftigungen an, als selbst zu den „Sozialschmarotzern“ zu gehören.

Gleichzeitig glauben sie, dass sie für diejenigen, die „nur die Hand aufhalten“ mitarbeiten müssten. Dabei werden die Sozialleistungen seit Jahren immer weiter gekürzt, ohne dass die Löhne gestiegen oder die Arbeitszeit verkürzt worden wäre – der Arbeitsdruck nimmt im Gegenteil immer mehr zu. Das wäre nicht anders, wenn die Sozialausgaben komplett gestrichen würden – was ein erklärtes Ziel der Allerreichsten ist.

Mit dem Märchen von den Sozialschmarotzern wird ganz nebenbei die Aufmerksamkeit von denen abgelenkt, die in Wirklichkeit die Hand aufhalten. Eigentlich wissen wir es doch, dass es einige wenige gibt, die unfassbare Reichtümer anhäufen und alles so eingerichtet haben, dass ganz automatisch immer mehr von unserem Vermögen zu ihnen fließt – Vermögen in einem ganz umfassenden Wortsinn: das Land, das einmal allen zur Verfügung stand, unser aller Nahrungsquellen, unser Wissen, unsere Fähigkeiten und die Unmengen an Geld, mit welchem all dies zu käuflicher Ware gemacht wurde.

Hartz IV wurde eingerichtet und mit all der Schmäh-Propaganda umgeben, damit Menschen sich noch leichter klein halten und verwerten lassen.
Auch die Begriffe „Arbeitnehmer“ und „Arbeitgeber“ wurden ganz bewusst vertauscht, um uns unsere Kraft und unser Selbstwertgefühl zu nehmen. Wie viel Kraft würde freigesetzt, wenn die Arbeitenden selbstbewusst als Arbeitgeber aufträten – denn das sind sie ja in Wahrheit!

Wie lange machen wir das noch mit?
Wir glauben, dass es ein selbstverständlicher Teil des Lebens wäre, für Geld arbeiten zu gehen. Geld wird uns als praktisches Tauschmittel verkauft – in Wahrheit dient es jedoch dem Zweck, die Menschheit immer mehr zu enteignen und unter Kontrolle zu halten. Wir werden gezwungen, nach einem fremden Rhythmus zu funktionieren und jahrzehntelang unsere Kraft und Lebenszeit zu verkaufen.
Sogenannten Selbständigen geht es meistens nicht besser. Der Druck, sich verkaufen zu müssen, fällt hier noch viel mehr auf. Mir wird regelmäßig übel von den Aufschriften auf Fahrzeugen, mit denen Kleinunternehmer sich anbiedern. Auch die meisten Werbeflyer und Aushänge säuseln „Komm zu mir, komm, du brauchst mich!“ Doch es sind in erster Linie die Flyerautoren, die etwas brauchen – nämlich Geld.
Ich bin bisher nur sehr wenigen Menschen begegnet, die wirklich tun, was sie lieben und davon leben können, ohne sich zu verbiegen oder zu überarbeiten.

Wenn ich mich umschaue, sehe ich, wie es überall immer enger wird. Noch vor wenigen Jahrzehnten reichte in den westlichen Ländern das Einkommen eines Elternteils, um die gesamte Familie zu versorgen. Inzwischen ist es längst normal, dass beide Eltern ganztags arbeiten. Immer mehr Familien kommen trotzdem kaum über die Runden.
Wo ich auch bin, sehe ich erschöpfte Menschen. „Keine Zeit“ und „Stress, Stress, Stress“ sind in aller Munde und immer öfter höre ich von jemandem, der bis zum Burnout gearbeitet hat.
Der Druck, die Kinder immer früher in Fremdbetreuung zu geben, nimmt seit Jahren zu. Die Familienpolitik folgt komplett dem Diktat der Wirtschaft – die Bedürfnisse von Kindern und ihren Familien spielen hier keine Rolle. Es ist zwar ständig von „familienfreundlichen“ Regelungen die Rede, doch in Wahrheit wird Familie systematisch zerstört. Eltern und Kinder verbringen immer weniger Zeit miteinander. Am Wochenende versuchen sie dann unter Zeitdruck, das versäumte Familienleben nachzuholen – eine Bekannte nannte das sehr treffend „Freizeitstress“.
Immer mehr Eltern empfinden das Leben mit Kindern als anstrengend. Freunde und Bekannte haben mir von nervenaufreibenden Auseinandersetzungen erzählt, wenn ihre Kinder in die Pubertät kamen. Selbstverständlich gibt es auch in meiner Familie Streitereien, aber solche grundlegenden Machtkämpfe kennen wir nicht. Zwischen uns kann keine Kluft durch Entfremdung entstehen. Denn wir haben Zeit füreinander!
Elternsein und Kindheit sind als freudvolle Erfahrungen gemeint. Menschen sind dafür bestimmt, ihr Zusammenleben zu genießen. Ich weiß, dass es so ist – weil ich es tagtäglich erlebe.

Ein menschwürdiges Leben
Kannst du spüren, wie entwürdigend es ist, Geld verdienen zu müssen?
Merkst du, wie unmenschlich es ist, alles, was du zum Leben brauchst, kaufen zu müssen?
Kannst du dir überhaupt noch eine Welt vorstellen, in der Menschen gemeinsam für das Lebensnotwendige sorgen, ohne dass es um Profite geht?

Auch wenn es inzwischen überall auf unserer Erde danach aussieht – wir leben nicht vom Geld!
Wir leben von guter Luft, sauberem Wasser und von anderen Lebewesen, und das ist nur der materielle Teil.

Aber wo kämen wir hin, wenn niemand mehr arbeiten ginge?
Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach tun würde, was ihm oder ihr Freude bereitet?
Ja – wo kämen wir denn da hin? Das würde ich nur zu gerne erleben!
Ich sehne mich nach einer Welt, in der Menschen sich die Lebensgrundlagen wieder aneignen, ihr Leben selbst in die Hand nehmen und tun, was ihnen Freude bereitet. Ich sehne mich nach einem Dorf, in dem Kinder und Erwachsene aller Altersgruppen miteinander leben. Wo Menschen gärtnern und bauen, jagen und sammeln, singen und tanzen, Geschichten erzählen und spielen. Ich sehne mich nach einem Dorf, in dem Kinder mit anderen Kindern herumtollen und von ihnen und den Erwachsenen lernen, statt die Jahre mit dem größten Bewegungsdrang in speziellen Lerngebäuden abzusitzen. Ich sehne mich nach echtem Leben!

Menschwerdung (2013)

Zwanzig Jahre lang war ich auf der Suche.

Obwohl ich von anderen oft als besonders lebensfroh und erfrischend authentisch wahrgenommen wurde, habe ich immer irgendwie gespürt, dass ich nicht wirklich lebe, dass ich mich selbst nicht wirklich fühlen kann. Da war auch immer so eine schmerzvolle Ahnung, dass ich weit unter meinen Möglichkeiten lebe.
Ich habe viel Geld ausgegeben für Emotionalkörpertherapie, Tantraseminare, Frauenkreise, Körperentpanzerung, Familienaufstellungen, Visionssuche … immer einer tiefen Sehnsucht in mir folgend.

Diesen Herbst kamen zwei Menschen, Michael und Maria, zu uns in die Waldsiedlung und fragten, ob sie hier über die Wintermonate ihren Bauwagen aufstellen konnten. Sie suchten nach einem einen geschützten Raum für ihre Prozesse. Michael begleitete schon seit 14 Jahren Menschen. Nun wollten sie sich für sich selbst Zeit nehmen. Sie meinten, dass es auch mal laut werden könnte, dass Schreie zu hören sein könnten. Das machte den meisten Menschen bei uns am Platz Angst und sie entschieden letztendlich, dass die beiden hier nicht bleiben könnten. Ich war darüber sehr traurig, denn ich fühlte mich stark zu ihnen hingezogen. Ich fühlte mich so sehr gerufen, dass ich mich einen Monat später zu ihrem neuen Platz, 80 km von uns entfernt, aufmachte.

Das war die beste Entscheidung meines Lebens, denn ich habe bei Michael und Maria endlich gefunden, was ich so lange suchte – und noch so viel mehr!
Endlich weiss ich, wofür ich lebe. Nie zuvor habe ich mich so kraftvoll gefühlt und war mir selbst soviel wert.
Tatsächlich beginnt die wahre Entdeckungsreise erst jetzt. Ich stehe erst ganz am Anfang und mein ganzes Leben sortiert sich neu. Es ist wie erneut Laufen lernen. Aber nun kann ich den Weg deutlich erkennen und hänge nicht mehr in der irren Hoffnung fest, dass ich nur DAS Seminar, DIE Methode, DEN Lehrer, DEN richtigen Schaltknopf finden müsste, durch die/ den ich dann ENDLICH wirklich ins Leben erwachen würde. Gleichzeitig wusste ich ja, dass es das alles nicht gibt, aber ja – die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ich weiß nun, dass es um Menschwerdung geht. Es geht darum, hinzusehen und zu fühlen. Die Welt ist voll von unsäglichem Leid und Schmerz. Wir alle wurden totgeprügelt, mißbraucht, geimpft, in Psychatrien gesteckt, indokriniert … wir alle wurden auf die eine oder andere grausame Weise zerstört und unserer Menschlichkeit beraubt.
Der Weg zurück ins Leben führt durch den tiefsten Schmerz. Ich muss mich selbst LEIDEN. Erst jetzt begreife ich, was das wirklich bedeutet. Ich KANN mich gar nicht selbst lieben, wenn ich mich nicht LEIDEN kann. Menschsein ist voller Pein, ist peinlich. Wir sind nackt und bloß. Es geht darum, diese Pein einzugestehen. Das hat nichts mit Opferbewusstsein zu tun, ganz im Gegenteil! Es ist der Weg in Lebendigkeit und echte Menschlichkeit.

Oh Mann, diese ganzen New-Age-Konzepte („Es darf einfach sein“, „Du bist der Schöpfer deiner Wirklichkeit“, „Du bist frei“ usw.) sind nur weitere tröstliche Pillen, die uns von unserem tiefen Schmerz ablenken.
Ich musste nun auch unter Tränen erkennen, dass all die unzähligen Selbsterfahrungs- und Heilungswege nur Sackgassen sind.
Ich bin mir sehr darüber bewusst, wie anmaßend das klingt – und doch ist es wahr. Eine gewisse Bewegung ist möglich – aber irgendwo geht es dann nicht mehr weiter.

Ja, in diesem unbegreiflich komplexen Universum ist alles möglich.
Aber solange uns gar nicht bewusst ist, wie fremdgesteuert und kontrolliert wir sind (in Wirklichkeit ist unsere Versklavung noch viel entsetzlicher, als im Film „The Matrix“ als Gleichnis dargestellt*) und den damit verbundenen Schmerz nicht fühlen, können wir uns nicht aus unserem Gefängnis befreien und wird unser Glück immer ein oberflächliches bleiben.
Es gibt auf der ganzen Welt keinen wahrhaft glücklichen Menschen. Wohl gibt es Zahlreiche, die dies von sich behaupten und den Neid ihrer Mitmenschen wecken, weil sie scheinbar den Dreh raushaben. Ich gehörte selbst lange dazu und habe mir oftmals sogar selbst weisgemacht, dass ich ein gesegnetes Glückskind sei.

Bei Michael und Maria habe ich die ersten Schritte getan, um wirklich Mensch, wirklich Frau zu werden.
Ich bin noch einmal durch den tiefen Schmerz meiner Kindheit gegangen. Ich hing vornübergebeugt über der Stuhllehne, nackt, gedemütigt, erniedrigt, ausgeliefert. Die Schläge trafen meinen nackten Hintern, und jetzt – anders als damals bei meinem Vater – konnte ich meinem Schmerz Ausdruck verleihen. Ich schrie vor Pein und Entsetzen. Und ich war nicht allein. Da waren diese beiden wunderbaren Menschen, Michael und Maria, die mich zutiefst sahen in meinem Schmerz. Zeugen, die mein abgrundtiefes Leid sahen, die wahrnahmen, wie man mich kaputtgemacht hatte. Die da waren, als meine Tränen nur so herausströmten. Bei denen meine Tränen erlaubt und willkommen waren. Die mir für mein Weinen dankten, weil es in dieser Welt so dringend gebraucht wird. Bei denen ich mich nähren konnte.

Und danach – Erleichterung und pure Lebensfreude. Eine Ahnung, wie sich Menschsein anfühlt.
Das war gleich am ersten Abend. Eigentlich wollte ich am nächsten Tag nach Berlin, zu meinem georgischen Chor, wollte danach eine liebe Freundin besuchen, dann nach Hause zu meinen Kindern… Am Ende habe ich alles abgesagt und bin viereinhalb Tage bei Michael und Maria geblieben. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet, sind durch tiefste Tiefen und höchste Höhen gegangen. Ich habe kaum gegessen und nur in zwei Nächten jeweils eine halbe Stunde oder Stunde geschlafen. Ich war weder müde noch hungrig.

Wir haben in diesen Tagen und Nächten meine Kinder befreit, von denen ich immer noch Wesensteile in meinem Bauch festgehalten hatte.
Auch den kleinen Jungen meines Mannes Niels, den ich schon 10 Jahre lang getragen hatte.
Wir vertrieben meinen Vater aus meinem Kopf, der mich auch sexuell missbraucht hatte und mir in so vielen Momenten, in denen es um Fühlen ging, immer wieder dazwischenplapperte.
Wir brachten die Kröte, die jede Frau natürlicherweise in ihrer Gebärmutter trägt, zurück an ihren Platz. Die Kröte, die sich ja mit den Hinterleib in die Erde eingräbt, steht für das Bauchgefühl der Frauen, ist die Verbindung zur Erde. Bei den meisten Frauen ist sie außerhalb des Körpers oder stark gequetscht.
Meine Kröte hat sehr viel Humor und ich kann sie nun zu allen Dingen meines Lebens um Rat fragen. Mit Marias Begleitung ging das wie von selbst – meine Kröte gab deutliche Antworten in klaren Bildern. Inzwischen war ich noch einmal einige Tage bei Michael und Maria. Ich bin wieder so sehr gewachsen und reich beschenkt zurückgekehrt. Seitdem frage ich meine Kröte oft laut in Niels‘ Beisein und er kann sie nun auch lesen. Es ist so unsäglich bewegend – wir haben tatsächlich immer übereinstimmende Bilder und Antworten. Niels sieht oft noch mehr als ich. Wir haben auch schon Vieles zu zukünftigen Ereignissen und Begegnungen gefragt. Für mich ist es immer noch kaum zu fassen. Ich hatte schon immer geahnt, dass Menschen weit größere Möglichkeiten haben, aber dass wir beide das nun erleben und es noch weitergehen wird…

All das ist nur der Anfang eines längeren Weges, der nun klar vor mir liegt. Mir ist erst jetzt wirklich bewusst geworden, wie sehr ich Teil eines Überlebensprogrammes bin. Dass ich meine Gefühle zum größten Teil nur denke und versuche, alles mit meinem Verstand zu begreifen und einzuordnen. Ich erkannte mit Schrecken, wie behindert ich bin. Wie hilflos. Wie sehr programmiert und fremdgesteuert. Ich muss das Menschsein erst lernen, in kleinen Babyschritten, muss immer wieder riskieren und komplett Neues wagen.
Es war dort bei Michael und Maria immer wieder peinlich. Wir haben begonnen, die ganzen unechten Plastikschichten abzukratzen. All meine Masken wurden mir sofort genommen. Meine gewohnten witzigen Bemerkungen verhallten ohne Reaktion im Raum. Meine Intelligenz, all mein angehäuftes Wissen, waren nicht gefragt. Ich wusste manchmal gar nicht, was noch von mir übrigblieb. Ich habe mich wiederholt so unendlich dumm und hilflos gefühlt. Aber genau so fängt das Menschsein an. Es ist peinlich. Ich muss alles ganz von vorne lernen. Atmen, sprechen, trinken – wirklich alles, von Grund auf an. Dieser Teil ist schwer zu erklären. Es lässt sich nicht begreifen, es läßt sich nur erleben.
Bei Michael und Maria habe ich erlebt, was Menschsein eigentlich bedeutet. Wie unendlich zart Menschen eigentlich sind. Wie sie sich nur mit Gedanken körperlich berühren können. Ich bin diesen beiden Menschen so unsäglich dankbar. Sie haben mir unendlich viel gegeben. Es war für sie sehr anstrengend. Sie mussten mich immer wieder anschieben, tragen, aus der Erstarrung herausholen. Meine sehnsuchtsvollen und schmerzerfüllten Blicke taten Maria körperlich weh. Ausserdem stank ich am Anfang fürchterlich nach all den Ängsten, all dem Gift, dass ich aus der Welt „da draussen“ in ihren geschützten Raum mitbrachte. Ich roch mit jedem Tag besser – das merkte ich dann auch selbst. Michael und Maria waschen sich nicht allzu oft und duften wunderbar. Menschen stinken nicht – das weiss ich jetzt und hatte ich schon immer irgendwie geahnt.

Ich war gleichzeitig eine Bereicherung für Michael und Maria. Sie brauchen mich, so wie ich sie.
Ich habe dort Seelenanteile von mir entdeckt, um die ich bisher nicht wusste. Die alte Indianerin in mir kann Knochen bewegen und heilen. Michael ist in der unteren Wirbelsäule komplett gebrochen. Auch er wurde – schon als Baby – totgeprügelt und missbraucht. Ich legte eines nachts bei ihm intuitiv meine Hand nacheinander auf einzelne Wirbel und spürte plötzlich, wie meine Hand mit den Knochen kommunizierte, wie die Wirbel meiner Hand förmlich engegenkamen. Am Steißbein angelangt kamen unglaubliche Vibrationen aus meiner Hand. Michael reagierte sehr heftig mit Bewegungen und Tönen. Ich hatte bisher keinerlei Ahnung von solcherart heilerischen Fähigkeiten in mir. Ich? So etwas können doch andere, ich dagegen habe eher sprachliche Talente. So dachte ich bisher.
Jetzt kann ich weiter in diese neu entdeckte Begabung hineinwachsen. Ich habe es inzwischen schon ein paar Mal bei Niels probiert. Auch er spürt die Vibrationen und kommt an tief sitzenden Schmerz mit starken inneren Bildern. Er sagt, dass ich viel mehr als nur Knochen bewege.
Es ist für ihn alles andere als angenehm. Aber er spürt deutlich, dass der Schmerz ein Tor in die Lebendigkeit ist. Ich selbst bin mir gar nicht bewusst, was ich da eigentlich tue. Es passiert einfach. Außerdem habe ich mich über so viele Jahre klein gemacht und immer wieder in Frage gestellt, dass ich mir selbst und meinen Fähigkeiten noch gar nicht wirklich traue. Es ist bisher nur eine Ahnung.

Als ich das erste Mal zurück nach Hause kam, war alles anders und neu.
Die Begegnung mit meiner Familie war ein rauschendes Fest. Meine Kinder waren befreit, gelöst. Wir balgten und küssten uns und ich gab ihnen Klapse auf ihren Po, die sie aufjuchzen und nach mehr verlangen ließen. Meine siebenjährige Tochter Loes streckte mir immer wieder ihren Po entgegen und wollte sich in ihrer Körperlichkeit bestätigt wissen. So etwas war für mich vor zwei Wochen noch absolut tabu, schließlich war ich ein geschlagenes Kind und konnte in jeder Handgreiflichkeit nur Gewalt erkennen.
Mein Vater hatte an dem Tag, an welchem wir ihn aus meinem Kopf vertrieben hatten, bei uns auf den Anrufbeantworter gesprochen. SO hatte er noch nie zuvor geklungen. Normalerweise ist er sachlich, manchmal etwas vorwurfsvoll ( „Ihr könntet euch ja mal wieder melden!“) und er fragt in einem Nebensatz, wie es uns geht, ohne die Antwort wirklich wissen zu wollen. Jetzt klang seine Stimme auf einmal etwas unsicher. Er wünschte sich wirklichen Kontakt und stellte mehrere persönliche Fragen, aus echtem Interesse an unserem Leben. Mir standen die Tränen in den Augen.

Der lästige Scheidenpilz, der mir die letzten 20 Jahre immer wieder zu schaffen gemacht hatte (in den letzten beiden Jahren sogar ununterbrochen) ist plötzlich, seit dem letzten Tag bei Michael und Maria, verschwunden. Es ist kaum zu glauben – ich hatte doch schon so vieles vergeblich versucht!
Mit Niels fühle ich mich so verbunden wie nie zuvor. Er ist in Riesenschritten einfach mitgewachsen. Auf einmal können wir uns wieder körperlich lieben, denn jetzt begegne ich nicht mehr dem kleinem Jungen. Außerdem weiß ich nun um die männerhassenden Teile in mir. Den Teil voller Misstrauen, der von Männern missbraucht und gequält wurde. Und die Hexe in mir, die den Mann lange entwürdigt hat und es auch jetzt immer noch manchmal tut, nun aber immer schneller auffliegt mit ihren Manipulationen. (So eine verbitterte Hexe lebt in uns Frauen, da die weisen Seelen auch schon lange vor der mittelalterlichen Inquisition entwürdigt und zerstört wurden. Ich fange jetzt erst an, mich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen).
Es hat jetzt schon mehrfach heftig zwischen uns geknallt. Sämtliche Unwahrheiten, Manipulationen und Ängste in unserer Beziehung kommen nun ans Licht. Wut und Schmerz brechen heraus. Und dann ist da plötzlich etwas Neues, Zartes, noch nie Dagewesenes. Nie zuvor waren wir uns so nah.
Wirklich Mann und Frau müssen Niels und ich erst noch werden. Das gilt für uns alle, aber es ist nur den wenigsten bewusst.

Inzwischen war ich noch einmal dreieinhalb Tage bei Michael und Maria und bin wieder durch viele tiefe und schmerzvolle Prozesse gegangen.
Ich teile hier nur einen davon.
Ich hatte Michael und Maria erzählt, wie ich als Neunzehnjährige ein halbes Jahr durch Australien gereist war. Durch Michael wurde mir bewusst, dass ich dort meine Seele gesucht hatte. Er sagte mir, dass meine Seele immer noch dort sei und fragte, ob ich sie sehen konnte. Und plötzlich waren da sehr lebendige Bilder. Ich sass alleine auf einem Felsen mitten im Outback, um mich herum rote Erde, Geröll und Steine, wenige karge Sträucher und Pflanzen. Auf einmal liefen zahlreiche 2-3 Meter große Reptilienwesen um mich herum, die mich zwar nicht wahrnahmen, mir aber große Angst machten, da sie so erschreckend nahe waren. Ich war ein etwa dreijähriges Mädchen, mutterseelenallein und verängstigt. Michael fragte, ob ich auch andere Wesen sehen könnte. Erst kam ein Emu zu mir, und wenig später ein alter Aboriginal-Mann. Er hatte ein so freundliches und warmherziges Gesicht mit klaren Augen und wunderschönen tiefen Falten. Er nahm mich bei der Hand und ging mit mir los. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass dies der Großvater war, den ich mir immer so sehr gewünscht hatte! Der Großvater, der mir alles erzählte über die Welt und das Leben, über die Pflanzen und Tiere, über den Wind, das Wasser und die Erde. Die Tränen strömten nur so aus mir heraus. Ich schluchzte heftig und es wurde immer schwerer, Michael und Maria zu erzählen, was ich sah. Mein Großvater wies auf die Felsen neben uns und sagte mir, dass sie beseelt seien. „Alles, was du hier um dich herum siehst, ist beseelt.“ Er führte mich zu einem kreisrunden Wasserloch und sagte, dass dies ein heiliger Ort sei. Wir setzten uns nebeneinander an den Hang und schauten schweigend den Tieren beim Trinken zu. Ich weinte und weinte und spürte ein tiefes Glücksgefühl. Mehr hatte ich doch nie gewollt!
Mein Großvater legte seinen Arm um mich. Wenig später übergab er mir mit seiner anderen Hand einen Stab. Michael sagte, dass dies das Wissen der Aborigines wäre, das ich nun weitertragen würde. Mein Großvater legte sich neben mir zum Sterben nieder. Ich sass bei ihm und streichelte sein Haar. Und plötzlich brach der gewaltige Schmerz über den Verlust, über die grausame Zerstörung der Aboriginal-Kultur aus mir heraus. Ich schrie und weinte und schluchzte gefühlte zwanzig Minuten lang. Mein ganzer Körper bebte und zitterte. Ich zuckte in Wellen, als mir die Verantwortung bewusst wurde, die nun in meinen Händen lag.
Nun begann Michael wieder, mich zu führen. Mit seiner Hilfe konnte ich sehen, wie die Seele meines Großvaters aufstand und meine Seele wieder bei der Hand nahm. Er führte mich zur nächsten staubigen Straße, wo uns freundliche Menschen in ihrem Pick-up mitnahmen und zum Flughafen brachten. Wir stiegen gemeinsam ins Flugzeug und flogen zurück nach Deutschland. Ich erkannte Berlin wieder. Wir fuhren hierher in die Waldsiedlung. Ich hörte Michaels Stimme: „Und wenn du jetzt deinen Körper siehst, spring wieder hinein!“ Ich sah mich vor unserem Hauseingang und war wieder in meinem Körper. Die Tränen strömten immer noch ununterbrochen, mein Schluchzen hatte auch noch nicht aufgehört. Ich stieg mit meinem Großvater die Treppe hoch. Ich sah ihn mit uns am Küchentisch sitzen und im Wohnzimmer vor dem Ofen.
Wenn ich jetzt meinen Nachmittagskaffee trinke und mich mit meiner Indianerin verbinde, sitzt mein Großvater neben mir. Ich habe auch für ihn eine Tasse Kaffee aufgegossen. Auch meinen Großvater kann ich jetzt um Rat fragen.
Ich kann gar nicht ausdrücken, wie reich ich bin!
Gleichzeitig stelle ich mich auch immer wieder in Frage und habe Angst davor, die neuen Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen. Ist das wirklich alles echt? Oder denke ich mir die Antworten nur aus?
Manchmal geht es ganz von alleine und mir ist klar, dass ich mir solche starken Bilder unmöglich ausdenken könnte. Oftmals bin ich aber auch verkrampft und genauso krampfig und unklar sind dann auch die Antworten. Dann zweifel ich wieder stark an mir und mache mich klein. Ich muss immer wieder schmerzvoll erkennen, wie wenig Vertrauen ich in mich selbst habe. Allen voran mein Vater hat dieses Vertrauen gründlich zerstört.
Gleichzeitig war da aber auch schon immer eine ungeheure Kraft in mir.
In der Tiefe habe ich immer gewusst, dass menschliches Leben eigentlich sehr viel größer und wunderbarer sein musste, als alles, was ich überall erlebte.
Mit dieser Kraft bin ich durch die Welt gereist und habe nach einem einfachen und menschenwürdigen Leben gesucht, habe meine Kinder ohne die Unterstützung von Ärzten und Hebammen zur Welt gebracht, habe sie vor Ultraschall und Impfungen geschützt und dafür gesorgt, dass sie nicht zur Schule gehen müssen.
Diese Kraft werde ich nutzen, um mich selbst unter all den künstlichen Schichten auszugraben und meine Würde wieder herzustellen.
All das braucht viel Zeit und Mut … und die Begleitung von Menschen, wie ich sie nun gefunden habe.

*Diesen Teil kann ich hier nur andeuten. Über das, was ich jetzt über die Welt weiß, kann ich nur persönlich sprechen.

An meinen Sohn Tonda

Du bist jetzt etwas über ein Jahr alt. In manchen Momenten erinnerst du mich an meinen Bruder auf den alten Babyfotos. Dann muss ich immer wieder daran denken, wie meine Eltern einmal beiläufig erzählt haben, dass mein Bruder ein „Schreikind“ gewesen wäre. Dass sie oftmals nicht gewusst hätten, was sie noch machen sollten – er war ja satt und hatte frisch gewechselte Windeln – und ihn daher in das entfernteste Zimmer schoben, damit das Geschrei auszuhalten war. Irgendwann schlief er dann dort ein und es war endlich Ruhe.
Ich sehe dich, mein Sohn, wie du friedlich an meine Brust geschmiegt schläfst, und ich weine um meinen Bruder. Seit du bei mir bist, kann ich es immer mehr fühlen, wie er dort einsam in seinem Körbchen lag, abgeschnitten von allem Lebendigen, wie er Höllenqualen litt, nach menschlicher Nähe und Wärme hungerte, wie er sich voller Verzweiflung die Lungen wund schrie, ohne dass ihn jemand erhörte, und wie er immer wieder vor Erschöpfung einschlief.

Unsere Eltern wussten nicht, wie man mit Babys umgeht. Sie waren selbst als Kinder nicht liebevoll behandelt worden und konnten ihre innere Stimme nicht mehr hören. Mein Bruder und ich kamen in den 70er Jahren zur Welt, in einem Krankenhaus in der DDR. In ein Fotoalbum hatte meine Mutter das Bändchen mit meinem Namen geklebt, das man mir im Krankenhaus um das Handgelenk gebunden hatte, damit man mich von den anderen Neugeborenen in der Reihe der Babybettchen unterscheiden konnte. Auch zu Hause verbrachte ich die meiste Zeit im Liegen, drinnen in meinem Körbchen und draußen im Kinderwagen.
Meine Eltern gewöhnten mich daran, die Toilette am Körper zu tragen. Ein Jahr später war das plötzlich nicht mehr in Ordnung und die Windel wurde mir mit Schlägen wieder abgewöhnt. Auch später sagte mein Vater oft: „Wer nicht hören will, muss fühlen!“ und machte mir mit Kopfnüssen, Maulschellen oder dem Teppichklopfer deutlich, welches Verhalten nicht erwünscht war. Meine Kindheit war geprägt von Standpauken und Demütigungen.
Ich wuchs in dem Gefühl auf, grundfalsch zu sein.

Doch da war auch ein Teil von mir, der genau wusste, dass das alles nicht stimmte und dass ich in Wahrheit in Ordnung war. Der wusste, dass es zutiefst ungerecht war, wie meine Eltern mich behandelten und der sich immer wieder sehnlichst andere Eltern wünschte. Dieser Teil von mir, meine Katze und der Wald haben mich gerettet.
Meine Katze Kitty hatte ich mir mühevoll „verdient“. In der Schule verbog ich mich ein halbes Jahr lang und war nicht mehr ich selbst, um die von meinem Vater erwünschten Betragensnoten zu erhalten, die die Voraussetzung dafür waren, dass ich eine Katze haben durfte. Kitty wartete immer schon an der Straßenecke auf mich, wenn ich von der Schule kam. Ihr erzählte ich all meinen Kummer und weinte mich bei ihr aus.
Der Wald in der Nähe unseres Hauses war für mich eine Mutter. Dort fühlte ich mich unendlich geborgen, war immer willkommen und durfte genauso sein, wie ich war. Ich verbrachte viel Zeit alleine im Wald.

Unter Menschen war ich lautstark anwesend, aber im Inneren fühlte ich mich minderwertig und schuldig.
Mein Leben lang leitete mich die Sehnsucht nach dem echten Leben, nach einem Gefühl von Richtigkeit.

Lange bevor ich zum ersten Mal schwanger wurde, wusste ich, dass ich alles dafür tun würde, dass meine Kinder sich willkommen und richtig fühlten. Wie du wurden deine Schwestern zu Hause geboren. Dein Papa Niels war bei der Geburt dabei und fing sie in seinen Händen auf.
Sie schliefen immer eng an mich gekuschelt, wurden überallhin getragen und konnten an meiner Brust trinken, so oft sie nur wollten. Ich genoss die körperliche Nähe und konnte so Vieles nicht begreifen, was ich bei anderen Müttern sah. Dass sie ihre Babys nachts in einem anderen Zimmer schlafen und tagsüber im Kinderwagen schreien ließen. Wie war es nur so weit gekommen, dass Babys das Wichtigste entbehren mussten und ihre Mütter sich die unbändige Freude hatten nehmen lassen, ein Kind an ihrem Körper zu spüren und morgens neben dem kleinen Wesen aufzuwachen?

Doch ich merkte auch, wie sehr ich Schaden genommen hatte. Oftmals konnte ich so viel Lebendigkeit gar nicht aushalten. Wenn Loes oder Jonna lautstark weinten, wollte ich am liebsten einfach nur den „Aus“-Knopf drücken. Weil ich selbst als Kind nicht hatte weinen dürfen – mein Vater nannte das „Gedudel“ – konnte ich diese verstörenden Töne nicht ertragen. Auch die fröhliche Lebendigkeit war mir oftmals zu viel und ich wollte manchmal einfach nur weg, allein sein und meine Ruhe haben. Ich vermisste meine Freiheit, das Herumtrampen und Abenteuer erleben.

Zehn Jahre nach Loes kamst du auf die Welt und ich merke erfreut, dass einige meiner alten Wunden inzwischen heilen konnten. Deine Lebendigkeit macht mich einfach nur glücklich und ich genieße es, dich überall dabei zu haben und alles mit dir zusammen zu machen. Nur beim Abwaschen und Kochen hilfst du übereifrig mit und ich bin heilfroh, wenn Niels, Runi, Loes oder Jonna dich entführen.
Ich kann einfach nur da sein und dich im Arm halten, wenn du weinst. Ich habe auch nicht mehr das Bedürfnis, wegzulaufen und „mein Ding“ zu machen.
Ich kann nun viel mehr Mutter sein. Mit deinen wundervollen Schwestern ist das aber auch viel leichter und freudvoller. Beide lieben dich kleinen Bruder, tragen dich herum oder lassen dich auf ihrem Rücken reiten.

Ich bin so dankbar, dass ich noch einmal Mutter sein darf. Deine Mutter.

Schwangerschaft und Geburt

Meine drei Kinder habe ich ohne Ärzte und Hebammen zur Welt gebracht. Ich war voller Vertrauen, dass mein Körper ganz genau wüsste, wie das ginge. Ich hatte nie das Bedürfnis nach den üblichen Untersuchungen. Es waren drei wunderschöne Geburten, an die ich mich mit Freuden erinnere. Auf diesem Weg ist mir ein Licht nach dem anderen aufgegangen. Ich habe immer deutlicher erkannt, wie sehr Frauen ihre Kraft genommen wird, wie sehr Frauen sich ihre Kraft nehmen lassen und wie sehr die kleinen Wesen schon am Anfang ihres Lebens geschwächt werden.

In mir schreit es, ich will allen schwangeren Frauen zurufen: Gebt euch nicht in die Hände der Apparatemedizin! Lasst euch nicht ultrabeschallen, durchscreenen und von Plastikhandschuhen und kalten Metallgeräten betatschen! Hört nicht auf die ganzen Horrorgeschichten, was alles Schreckliches passieren könnte! Hört nicht auf all diese Lügen, dass ihr zu wenig Fruchtwasser hättet, dass der Kopf eures Kindes etwas zu klein sei, dass es bei euch eine Risikoschwangerschaft wäre, dass deshalb in Kürze die nächste Untersuchung nötig sei, um sicherzugehen, dass… Die vielen Komplikationen, die vielen Kaiserschnitte sind vor allem der Angst geschuldet, die den Frauen gemacht wird und die sie sich machen lassen. Angst führt zu Anspannung, und damit ist ein Loslassen nur schwer möglich und wird die Geburt ein schmerzvolles Erlebnis. Je mehr alles ängstlich und gründlich abgesichert wird, desto mehr Unfälle passieren.

In Wahrheit braucht es für eine Geburt keinerlei Geräte und keine guten Ratschläge. Das kleine Wesen weiß selbst am besten, wann der richtige Zeitpunkt ist, um ans Licht der Welt zu kommen. Es drängt ganz von selbst heraus. Und unser Körper weiß, wie er ihm die Tür öffnet. Pressen ist da ganz fehl am Platze. Es geht nur um Öffnen, um Loslassen. Es braucht keine Geburtsvorbereitungskurse und schon gar keine Atemtechniken. Davon werden wir nur abgelenkt und sind im Kopf, während doch unser Fühlen gebraucht wird! Wenn wir uns den Wellen in uns überlassen, geschieht alles ganz von selbst. Da braucht es keine Anleitung von außen. Unser Körper hat alle Weisheit, um sich dem Ans-Licht-Drängen des kleinen Wesens hinzugeben.

Und das sage ich – eine Frau, die in ihrem Körper nicht zu Hause ist. Wie wir alle bin ich nicht „drin“ in meinem Körper und denke meine Gefühle zum größten Teil nur. Ich fühle mich oft von mir selbst abgeschnitten und zerteilt. Wenn mein Mann mich liebt, ist es mir oft besonders schmerzhaft bewusst, dass ich nur sehr reduziert fühle.
Es ist nur den wenigsten bewusst, wie gefühllos wir alle gemacht wurden. Die meisten funktionieren nur noch und merken gar nicht mehr, wie leer sie sind.

Und doch haben viele Frauen sich noch einen Teil bewahren können, etwas, wo sie noch heil sind. Ich kenne Frauen, die ihren Eisprung ganz deutlich spüren und nie verhütet haben. (Ich selbst merke gar nichts davon). Ich kenne eine Frau, die den Moment der Empfängnis gefühlt hat, als einen Lichtblitz, der in ihren Körper drang. (Ich merkte erst am Ausbleiben meiner Regel, dass ich schwanger war). Ich kenne Frauen, die das kleine Wesen während der Schwangerschaft deutlich wahrnahmen, mit ihm kommunizierten, und oftmals schon zu Beginn der Schwangerschaft den Namen erfuhren. (Ich selbst spürte die Kindsbewegungen und streichelte meinen Bauch; aber eine wirkliche Verbindung zu meinem Kind hatte ich immer erst nach der Geburt.) Ich selbst hatte das unumstößliche Vertrauen, dass mein Körper genau wüsste, wie er gebären konnte.
Das alles sind Puzzleteile, die uns ahnen lassen, wie viel mehr Frauen eigentlich empfinden können; wie es wäre, wenn wir ganz bei uns und in unserem Körper wären.

Während meiner ersten Schwangerschaft fühlte ich mich rundum wohl und machte mir nur wenig Gedanken über die Geburt. Das einzige, was ich las, war „Unassisted Childbirth“ von Laura Kaplan Shanley*, einer Frau, die ihre vier Kinder allein zur Welt gebracht hat. Eines davon kam sogar mit den Füßen zuerst. Dieses Buch bestärkte mich sehr in meinem eigenen Gefühl, dass mit meiner Schwangerschaft alles gut ging und auch die Geburt wundervoll sein würde. Im Nachhinein wurde mir klar, wie gut es war, dass ich kaum etwas wusste von all den angeblichen Risiken und Problemen, bei denen normalerweise sofort eingegriffen wird.

Bei meinen ersten beiden Geburten dauerte es vier Stunden, bis die Plazenta sich löste. Später erfuhren wir, dass die Mutter meines Mannes, die im Krankenhaus arbeitet, deshalb in heller Panik war. Sie hatte zwei Stunden nach der Geburt angerufen und war angesichts der Nachricht, dass die Nachgeburt noch in mir war, furchtbar beunruhigt. Sie sagte uns zum Glück nichts davon, weil sie uns nicht verunsichern wollte, konnte aber nicht mehr stillsitzen und begann fieberhaft im Internet zu recherchieren.

Bei meiner dritten Geburt dauerte es dann sogar achteinhalb Stunden, bis die Nachgeburt kam. Wie auch schon bei den ersten beiden Geburten löste sie sich ganz leicht und ich wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. Nach gängiger Lehrmeinung müsste die Plazenta spätestens nach einer halben Stunde aus dem Körper sein, erzählte die Mutter meines Mannes uns später, ansonsten wird den Frauen im Krankenhaus ein Mittel verabreicht, das zur Ablösung führt. Und dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie sagte bestürzt: „Mein Gott, ich wünschte, ich könnte all das Lehrbuchwissen wieder vergessen! Jetzt wird mir klar, warum so viele Frauen nach der Geburt sagen, sie seien so froh, dass sie im Krankenhaus waren, weil sie nach der Geburt heftige Blutungen gehabt hätten. Aber diese Blutungen kommen daher, dass die Ablösung der Plazenta künstlich beschleunigt wird, mit Medikamenten und indem an der Nabelschnur gezogen wird. So wird sie regelrecht von der Gebärmutterwand abgerissen!“

Bei meiner dritten Geburt war außerdem ein Knoten in der Nabelschnur und sie war um den Hals meines Sohnes gewickelt. Die Geburt verlief jedoch völlig problemlos. Im Krankenhaus hätte man mir sehr wahrscheinlich einen Kaiserschnitt verpasst. Die allermeisten Fachleute würden mir voller Entrüstung sagen, wie verantwortungslos und leichtsinnig ich wäre und was für ein unglaubliches Glück ich gehabt hätte.

Merkt ihr, was alles an scheinbaren Problemen herangezogen wird, um Kaiserschnitte und zahlreiche andere Eingriffe zu rechtfertigen? Könnt ihr die ungeheuerlichen Ausmaße erkennen? Geburt ist eigentlich gemeint als ein rauschendes Fest, als eine ekstatische und beglückende Erfahrung! In dieser wahnsinnigen Welt wird daraus jedoch eine mühe- und schmerzvolle Angelegenheit voller Gefahren und Komplikationen gemacht. Das Anschließen der Mütter an all die Apparate und die unzähligen Eingriffe sind nicht nur zutiefst entwürdigend, sie schwächen auch Selbstvertrauen und Körpergefühl von Mutter und Kind. Ich habe viele Frauen kennen gelernt, die noch Jahre später unter ihren traumatischen Geburtserfahrungen leiden.

Vor einiger Zeit wurde ich in der Bibliothek Zeugin eines Gesprächs dreier etwa zwölfjähriger Mädchen, die sich darüber austauschten, ob sie einmal Kinder haben wollten. Eine sagte, dass sie dann auf jeden Fall einen Kaiserschnitt machen lassen würde, weil eine Geburt schrecklich anstrengend wäre und furchtbar weh tun würde. Die beiden anderen stimmten ihr zu. Ich war erschüttert, wie stark das Gedankengift schon in den Köpfen so junger Mädchen wirkt und erzählte ihnen von meinen Geburten.

Ich kenne viele Frauen, die mit einer Hebamme an ihrer Seite wunderschöne Hausgeburten erlebt haben. Allerdings hat sich für die freiberuflichen Hebammen in den letzten Jahren viel verändert. Ganz schleichend werden ihnen immer mehr Steine in den Weg gelegt – so sind z.B. Die Versicherungsprämien für ihre Berufshaftpflicht ins Unbezahlbare gestiegen. Unzählige Geburtshelferinnen haben ihren Beruf aufgegeben, und es ist schwierig geworden, eine Hebamme für eine Hausgeburt zu finden. Unter dem zunehmendem Versicherungsdruck sehen sie sich auch eher gezwungen, eine Mutter doch ins Krankenhaus zu überweisen, wenn nicht alles ganz reibungslos verläuft.

Ich selbst hätte mir eine vertraute Freundin und Mutter an meiner Seite gewünscht; keine Frau, die während der Schwangerschaft ein paar Mal vorbeikommen würde und die ich erst kennen lernen müsste. Bei meinen ersten beiden Geburten war mein Mann Niels mir am nächsten und schlüpfte sehr einfühlsam in die Frauenrolle. Er massierte mir bei den Wehen den Rücken, war als verlässlicher Anker voll und ganz da und fing unsere Töchter in seinen Händen auf.

Einige Jahre später hatte ich dann bei der Geburt meines Sohnes das Glück, neben Niels und meinen beiden Töchtern (sie waren inzwischen acht und zehn Jahre alt) auch noch eine Frau – Runi – um mich zu haben. Sie hatte noch keine Erfahrungen mit Geburten gemacht, aber sie brachte das Wichtigste mit: ein feines Gespür für das, was gerade gebraucht wurde. Ich hockte in der warmen Morgensonne auf unserer Gartenwiese und Runi streichelte und massierte meinen Rücken. Zuvor hatte sie sich um meine ältere Tochter gekümmert, der die Geburt zu nahe ging und die lieber in einiger Entfernung dabei war. Meine jüngste Tochter war die ganze Zeit neben mir und verfolgte gebannt alles, was passierte. Die Wehen waren kaum schmerzhaft und die Abstände von Anfang an kurz. Ich fühlte mich verrückt und lebendig, musste gleichzeitig weinen und lauthals lachen – und da konnte ich auch schon das kleine Köpfchen in meiner Scheide ertasten! Welch unbändige Freude durchströmte mich! Kurz darauf war das Köpfchen da und meine Familie konnte das kleine Gesichtchen sehen. Mein Mann empfing unser Kind in seinen Händen und rief beglückt „Es ist ein Junge!“ Wir alle waren selig! Den ganzen Tag verbrachten wir noch in Festtagsstimmung auf unserer sonnigen Gartenwiese. Am nächsten Morgen erwachte ich voller Kraft und unbändigem Tatendrang. Ich band meinen nackten Sohn vor meiner Brust liegend in ein Tragetuch und lief weit in den Wald hinein zu meinem Lieblingsplatz in einem verwunschenen Kesselmoor. Ich war voll innerem Jubel: Ich habe einen Sohn! Der ganze Wald war Zeuge meines Glücks. Ich hatte nicht die geringsten Schmerzen und fühlte mich frisch und zu neuem Leben erwacht.

*Ich kann dieses Buch nur eingeschränkt empfehlen. Mir war es teilweise zu esoterisch.

Dieser Text als PDF: Schwangerschaft und Geburt