An meinen Sohn Tonda

Du bist jetzt etwas über ein Jahr alt. In manchen Momenten erinnerst du mich an meinen Bruder auf den alten Babyfotos. Dann muss ich immer wieder daran denken, wie meine Eltern einmal beiläufig erzählt haben, dass mein Bruder ein „Schreikind“ gewesen wäre. Dass sie oftmals nicht gewusst hätten, was sie noch machen sollten – er war ja satt und hatte frisch gewechselte Windeln – und ihn daher in das entfernteste Zimmer schoben, damit das Geschrei auszuhalten war. Irgendwann schlief er dann dort ein und es war endlich Ruhe.
Ich sehe dich, mein Sohn, wie du friedlich an meine Brust geschmiegt schläfst, und ich weine um meinen Bruder. Seit du bei mir bist, kann ich es immer mehr fühlen, wie er dort einsam in seinem Körbchen lag, abgeschnitten von allem Lebendigen, wie er Höllenqualen litt, nach menschlicher Nähe und Wärme hungerte, wie er sich voller Verzweiflung die Lungen wund schrie, ohne dass ihn jemand erhörte, und wie er immer wieder vor Erschöpfung einschlief.

Unsere Eltern wussten nicht, wie man mit Babys umgeht. Sie waren selbst als Kinder nicht liebevoll behandelt worden und konnten ihre innere Stimme nicht mehr hören. Mein Bruder und ich kamen in den 70er Jahren zur Welt, in einem Krankenhaus in der DDR. In ein Fotoalbum hatte meine Mutter das Bändchen mit meinem Namen geklebt, das man mir im Krankenhaus um das Handgelenk gebunden hatte, damit man mich von den anderen Neugeborenen in der Reihe der Babybettchen unterscheiden konnte. Auch zu Hause verbrachte ich die meiste Zeit im Liegen, drinnen in meinem Körbchen und draußen im Kinderwagen.
Meine Eltern gewöhnten mich daran, die Toilette am Körper zu tragen. Ein Jahr später war das plötzlich nicht mehr in Ordnung und die Windel wurde mir mit Schlägen wieder abgewöhnt. Auch später sagte mein Vater oft: „Wer nicht hören will, muss fühlen!“ und machte mir mit Kopfnüssen, Maulschellen oder dem Teppichklopfer deutlich, welches Verhalten nicht erwünscht war. Meine Kindheit war geprägt von Standpauken und Demütigungen.
Ich wuchs in dem Gefühl auf, grundfalsch zu sein.

Doch da war auch ein Teil von mir, der genau wusste, dass das alles nicht stimmte und dass ich in Wahrheit in Ordnung war. Der wusste, dass es zutiefst ungerecht war, wie meine Eltern mich behandelten und der sich immer wieder sehnlichst andere Eltern wünschte. Dieser Teil von mir, meine Katze und der Wald haben mich gerettet.
Meine Katze Kitty hatte ich mir mühevoll „verdient“. In der Schule verbog ich mich ein halbes Jahr lang und war nicht mehr ich selbst, um die von meinem Vater erwünschten Betragensnoten zu erhalten, die die Voraussetzung dafür waren, dass ich eine Katze haben durfte. Kitty wartete immer schon an der Straßenecke auf mich, wenn ich von der Schule kam. Ihr erzählte ich all meinen Kummer und weinte mich bei ihr aus.
Der Wald in der Nähe unseres Hauses war für mich eine Mutter. Dort fühlte ich mich unendlich geborgen, war immer willkommen und durfte genauso sein, wie ich war. Ich verbrachte viel Zeit alleine im Wald.

Unter Menschen war ich lautstark anwesend, aber im Inneren fühlte ich mich minderwertig und schuldig.
Mein Leben lang leitete mich die Sehnsucht nach dem echten Leben, nach einem Gefühl von Richtigkeit.

Lange bevor ich zum ersten Mal schwanger wurde, wusste ich, dass ich alles dafür tun würde, dass meine Kinder sich willkommen und richtig fühlten. Wie du wurden deine Schwestern zu Hause geboren. Dein Papa Niels war bei der Geburt dabei und fing sie in seinen Händen auf.
Sie schliefen immer eng an mich gekuschelt, wurden überallhin getragen und konnten an meiner Brust trinken, so oft sie nur wollten. Ich genoss die körperliche Nähe und konnte so Vieles nicht begreifen, was ich bei anderen Müttern sah. Dass sie ihre Babys nachts in einem anderen Zimmer schlafen und tagsüber im Kinderwagen schreien ließen. Wie war es nur so weit gekommen, dass Babys das Wichtigste entbehren mussten und ihre Mütter sich die unbändige Freude hatten nehmen lassen, ein Kind an ihrem Körper zu spüren und morgens neben dem kleinen Wesen aufzuwachen?

Doch ich merkte auch, wie sehr ich Schaden genommen hatte. Oftmals konnte ich so viel Lebendigkeit gar nicht aushalten. Wenn Loes oder Jonna lautstark weinten, wollte ich am liebsten einfach nur den „Aus“-Knopf drücken. Weil ich selbst als Kind nicht hatte weinen dürfen – mein Vater nannte das „Gedudel“ – konnte ich diese verstörenden Töne nicht ertragen. Auch die fröhliche Lebendigkeit war mir oftmals zu viel und ich wollte manchmal einfach nur weg, allein sein und meine Ruhe haben. Ich vermisste meine Freiheit, das Herumtrampen und Abenteuer erleben.

Zehn Jahre nach Loes kamst du auf die Welt und ich merke erfreut, dass einige meiner alten Wunden inzwischen heilen konnten. Deine Lebendigkeit macht mich einfach nur glücklich und ich genieße es, dich überall dabei zu haben und alles mit dir zusammen zu machen. Nur beim Abwaschen und Kochen hilfst du übereifrig mit und ich bin heilfroh, wenn Niels, Runi, Loes oder Jonna dich entführen.
Ich kann einfach nur da sein und dich im Arm halten, wenn du weinst. Ich habe auch nicht mehr das Bedürfnis, wegzulaufen und „mein Ding“ zu machen.
Ich kann nun viel mehr Mutter sein. Mit deinen wundervollen Schwestern ist das aber auch viel leichter und freudvoller. Beide lieben dich kleinen Bruder, tragen dich herum oder lassen dich auf ihrem Rücken reiten.

Ich bin so dankbar, dass ich noch einmal Mutter sein darf. Deine Mutter.

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