Arbeiten und Warten auf

Ich wurde in eine Welt geboren, in der Menschen arbeiten gehen.
Niemand kam auch nur auf die Idee, dass es anders sein könnte.

Die Menschen verbrachten nach Altersgruppen sortiert ihre Tage in voneinander getrennten Welten.
In meinem Geburtsland, der DDR, gingen auch die Mütter arbeiten. Jeden Morgen wurden die kleinen Kinder in Kinderkrippe oder Kindergarten gebracht, gingen die großen Kinder zur Schule und die Erwachsenen zur Arbeit.
Arbeiten gehen und Geld verdienen, das machte einen großen Teil des Lebens aus. Auch in der so genannten „Freizeit“ drehten sich viele Gespräche um die Arbeit.

Und alle warteten immer auf das Wochenende.
Waren Freitagabend meistens froh und Sonntagabend übellaunig.
Warteten auf den Urlaub, monatelang.
War der lang ersehnte Sommerurlaub verregnet, war die giftige Stimmung unerträglich und hieß es wieder ein ganzes Jahr lang warten.
Warteten weiter auf die Rente.
Mein Vater hatte in seinen letzten beiden Arbeitsjahren eine Abstreichliste an der Wand hängen, auf der er die verbleibenden Tage bis zur Rente zählte.

Ich konnte nicht sehen, dass irgendjemand Freude daran hatte, arbeiten zu gehen.
Es gab viele Dinge, die ich gerne tat. Es gab jedoch nichts, was in mir die Lust weckte, selbst arbeiten zu gehen.

Mein Schulalltag war auch jetzt schon nicht viel anders als die Welt der Erwachsenen. Alle sprachen vom „Ernst des Lebens“. Neben der Mathearbeit, der Pionierarbeit und später der Gruppen- und Projektarbeit gab es zusätzlich Hausarbeiten.
Auch wenn ich einiges davon gerne machte, wartete ich doch genau wie meine Eltern immer auf das Wochenende und die Ferien.
Dann konnte ich ausschlafen.
Lesen. So lange ich wollte.
Im Wald sein. So lange ich wollte.
Spielen. So lange ich wollte.

Nach der Schulzeit besetzte ich mit einer Handvoll Freunden ein Haus. Auch wenn wir nur wenig davon brauchten, ging es doch nicht ohne Geld.
Ich wollte leben!
Ich wollte keine Lehre anfangen, studieren oder arbeiten gehen.
Zum Glück gab es die Möglichkeit, das erste eigene Geld in einem freiwilligen Ökologischen Jahr zu verdienen. Ich arbeitete beim Umweltamt und machte all die Sachen, die die Beamten dort gerne selbst gemacht hätten, für die sie aber vor lauter Antragsformularen auf ihrem Schreibtisch keine Zeit hatten. Ich war den ganzen Tag draußen und kartierte Raubvogelnester im Wald oder Schwalbennester im Stadtgebiet.
Meine Arbeitsstunden musste ich selbst auf einer Karteikarte eintragen. Schon bald merkte ich, dass mich niemand kontrollierte und ich in meiner offiziellen Arbeitszeit auch viel zu Hause sein konnte, wo ich mit den anderen an unserem Haus werkelte oder einfach nur in der Sonne saß.

Nach diesem Jahr hatte ich genug Geld gespart, um mir einen lang gehegten Traum zu erfüllen: ich trampte mit meinem damaligen Freund ein halbes Jahr durch Australien.
Im darauf folgenden Jahr war ich mit einer Freundin ein halbes Jahr in Asien unterwegs.

Danach war mein Geld aufgebraucht und ich wusste nicht, wie ich mich noch weiter durchschlängeln konnte.
Alle anderen aus meiner Klasse hatten längst einen Job oder studierten.
Ich wollte am liebsten weiter die Welt erkunden und Sprachen lernen. Ich hatte eine Leidenschaft für Sprachen und lernte sie leicht und schnell. Aber deshalb Sprachen studieren? Dann würde ich in einem Unigebäude hocken, mit Büchern und Heften, während ich doch mit den Menschen in ihrem Land erzählen wollte!
Am Ende entschied ich mich für ein Studium in Naturschutz, weil es da zwei Praxissemester gab und ich vielleicht viel draußen sein würde. Wir waren tatsächlich mehr auf Exkursionen und bei praktischen Übungen draußen als Universitätsstudenten, aber trotzdem war alles schrecklich verschult. Ich blieb den Vorlesungen immer häufiger fern und machte lieber Radtouren in die wunderschöne Umgebung.

Nach dem Studium trampte ich in Europa umher und besuchte verschiedene ökologische Gemeinschaften. Ich half im Garten und im Stall, beim Käsen, Schafe hüten und Brot backen. Nach zwei Jahren bekam ich Lust, selbst eine solche Gemeinschaft mit aufzubauen.

Wir waren zehn Erwachsene und sechs Kinder, als wir ein altes Gutshaus mit Land dazu kauften. Nach einer Weile hatten wir einen großen Garten, einen kleinen Hofladen, Pferde, Schafe und Bienen. Das bisschen Taschengeld, dass wir hiermit verdienten, reichte bei weitem nicht zum Leben und wir mussten zusätzlich Arbeitslosengeld beantragen.
Ich war inzwischen Mutter geworden und erhielt es, ohne mich verbiegen zu müssen.

Als ich fast zwei Jahre später mein zweites Kind zur Welt brachte, gab es unsere Hofgemeinschaft nicht mehr. Inzwischen lebte meine Familie in einer Mietswohnung im Haus von Freunden.
Sobald meine zweite Tochter drei Jahre alt wurde, begann das Arbeitsamt Druck zu machen. Ich war nun 32 Jahre alt und hatte mich bisher mühelos um das Arbeitengehen herumgewunden.
Nun war es damit vorbei. Plötzlich musste ich mich rechtfertigen.
Man war der Meinung, dass ich meine Kinder in den Kindergarten bringen und arbeiten gehen müsse.
Plötzlich redete man mit mir, wie es früher meine Eltern getan hatten. Es gab eine ellenlange Liste von Verhaltensmaßregeln. Ich hatte immer zu Hause erreichbar zu sein und um Erlaubnis zu fragen, wenn ich wegfahren wollte. Ich hatte einem mysteriösen Arbeitsmarkt immer zur Verfügung zu stehen.
Es war vollkommen gleichgültig, was für eine Arbeit ich ausführte. Ich konnte die Erde mit Gift voll spritzen, Müllberge produzieren oder Menschen demütigen – wichtig war nur, dass ich dafür Geld erhielt.
Zu diesem Zweck war so ziemlich alles „zumutbar“, wie es in den Jobcenter-Formulierungen hieß. Für Geld hatte ich dazu bereit zu sein, meine Heimat zu verlassen, jeden Tag stundenlang zur Arbeit zu fahren, nachts oder am Wochenende zu arbeiten.
Es interessierte niemanden, dass ich selbst für meine Kinder sorgte, dass sie bei mir lebenswichtige Dinge lernten, dass ich selbst Gemüse anbaute, Brot buk und gesundes Essen kochte und eine Singgruppe leitete, in der wir wunderschöne mehrstimmige Lieder sangen. Das alles galt als Nichtstun, denn dafür bekam ich kein Geld.

Meine Nachbarn, die jeden Morgen früh zur Arbeit fuhren, meinten, dass sie für mich mitarbeiten mussten. Obwohl ich wusste, dass das nicht stimmte, fühlte ich mich doch unwohl, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen und ich im Garten in der Sonne saß.
Die jahrelange Programmierung, dass man etwas leisten musste, um wertvoll zu sein, war noch sehr wirksam. Ich schaffte es nicht, mich selbst für das anzuerkennen, was ich schon tat und für das es von außen keine Anerkennung gab.

Es dauerte noch eine Weile, bis ich mir von den Jobcenter-Mitarbeitern nichts mehr sagen ließ und stattdessen ihnen ins Gesicht sagen konnte, dass mein nährender „Job“ um ein Vielfaches wichtiger ist als ihre Schreibtischtaten.
Es brauchte Zeit, bis ich erkennen konnte, wofür Hartz IV überhaupt eingerichtet wurde. In den Medien ist regelmäßig zu lesen oder hören, dass Hartz IV-Empfänger alle anderen aussaugen würden. Wer will das schon, andere aussaugen? Wer will schon als faul und unselbständig verurteilt werden? Wer will als arm und bedürftig gering geschätzt werden?
Dann doch lieber sinnlosen und völlig unterbezahlten Tätigkeiten nachgehen, als den entwürdigenden Gang zum Jobcenter zu tun. Ich habe schon oft in Anzeigenblättern gelesen „Nehme jede Arbeit an.“
Genau dafür wurde Hartz IV eingerichtet und mit all der Schmäh-Propaganda umgeben – damit wir uns noch leichter klein halten und ausbeuten und alles mit uns machen lassen, um ja nicht „die Hand aufhalten“ zu müssen.

Merkst du noch irgendwo in dir, dass Lohnarbeit mindestens genauso entwürdigend und unmenschlich ist? Du bist gezwungen, nach einem fremden Rhythmus zu funktionieren und deine Kraft und Lebenszeit zu verkaufen. Wochen-, monate- und jahrelang.
Kannst du spüren, wie entwürdigend es ist, Geld verdienen zu müssen? Merkst du, wie unmenschlich es ist, alles, was du zum Leben brauchst, kaufen zu müssen?

Auch wenn es inzwischen in der ganzen Welt danach aussieht – wir leben nicht vom Geld!
Wir leben von guter Luft, sauberem Wasser und von anderen Lebewesen, und das ist nur der materielle Teil.

Geld wird uns als praktisches Tauschmittel verkauft, aber in Wahrheit dient es dem Zweck, die Menschheit immer mehr zu enteignen und unter Kontrolle zu halten.
Weltweit werden Menschen von ihrem Land vertrieben und in die Städte gedrängt. Weltweit wächst die Armut, können Menschen sich nicht mehr selbst versorgen und werden zu abhängigen Konsumenten.
Über Zinsen, Steuergeschenke, Rettungspakete oder Subventionen für die Reichen werden immer größere Summen von Arm zu Reich verschoben.
Außerdem wird Geld einfach aus dem Nichts erschaffen, es sind Zahlen, die in Computer getippt werden und mit denen das Weltgeschehen gelenkt werden kann. Der winzige sichtbare Teil, das Bargeld, das wir in Händen halten, ist nur dafür da, uns weiterhin an die Illusion glauben zu lassen.

Wo kämen wir denn da hin, wenn keiner mehr arbeiten gehen würde?
Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach machen würde, was ihm oder ihr Freude bereitet?
Ja – wo kämen wir denn da hin? Das würde ich nur zu gern erleben!
Ich sehne mich nach einer Welt, in der Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und tun, was ihnen Freude macht. Ich sehne mich nach einem Dorf, in dem Kinder und Erwachsene aller Altersgruppen miteinander leben. In der Menschen gärtnern, bauen, singen und spielen, statt ihr Leben mit hirntötenden Schreibtischangelegenheiten zu verschwenden. Ich sehne mich nach einem Dorf, in dem Kinder mit anderen Kindern herumtollen und von ihnen und den Erwachsenen lernen, statt die Jahre mit dem größten Bewegungsdrang in speziellen Lerngebäuden abzusitzen.

Ich sehne mich nach echtem Leben mit echten Menschen!

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