Ich bin nicht mehr Veganer

Ich war ungefähr 12 Jahre lang Veganer. Als ich Veganer wurde, habe ich allen davon erzählt. Und mir nicht vorstellen können, dass es jemals wieder anders sein würde!

Jetzt esse ich seit etwa einem Jahr sogar Fleisch, und habe es noch nie auf Facebook erwähnt. Klar, zum einen ist es mir peinlich. Schließlich war ich so lange überzeugt davon, dass wir Menschen in Industrienationen gut ohne Tierprodukte leben könnten, und wir, wenn wir es nicht täten, allein aus Gründen des persönlichen Genusses, aus Ignoranz und Größenwahn, unverantwortliches Leid anrichteten.

Zum anderen finde ich es jetzt nicht so leicht, zu erklären, warum ich Allesesser geworden bin. („Warum vegan?“ – Das war leicht! 1. Es vermeidet Leiden. 2. Es ist mit relativ wenig Aufwand möglich. So meine persönlichen Haupt-Beweggründe.) Vielleicht habe ich auch einfach eine Abneigung gegen das Erklären entwickelt. Erklärungen berühren nicht. Ich meine, ich kann euch erklären, so viel ich will – so lange es nicht das ist, was ihr ohnehin hören wollt, oder es die Erinnerung an eine persönliche Erfahrung weckt, wird es euch einfach schnurz sein. (So war es ja auch mit meinen Veganismus-Erklärungen…) Es wird also keine Erklärung meinerseits geben. Statt dessen will ich erzählen, wie es für mich dazu gekommen ist, von meinem Veganertum abzulassen.

Nach also ungefähr 12 recht strengen Veganer-Jahren war ich immer noch nicht grundsätzlich glücklich. Mir fehlte so viel… und ich hatte nur eine diffuse Ahnung davon, was das war; und noch weniger Ahnung davon, wie ich es bekommen sollte. Nennen wir es mal „ein Sinn-volles Leben“ – aber das nur als Hintergrund. Ich war dann in Frankreich gelandet. In Frankreich gibt es sehr viele, sehr leckere Käse. Und ich hatte mächtig Lust, Käse zu essen. Nach einer Weile habe ich also angefangen, mir das zu erlauben. Klar wollte ich immer noch nicht, dass irgendjemand für meinen Genuss leiden muss. Gleichzeitig merkte ich (erst jetzt wieder!) wie viel Kraft es mich kostete, mir den Käse-Genuss zu verwehren. Ich fand, dass tatsächlich mehr als eine Spur Selbstverachtung in meinem Veganer-Sein steckte, und dass ich mich selber angelogen hatte, als ich sagte: Es ist ja ganz einfach, auf tierische Produkte zu verzichten. Nein – einfach war das nur, solange ich meinen eigenen Wünschen und Gelüsten überhaupt keine Beachtung schenkte. Jetzt überwog der Genuss das schlechte Gewissen, und ich aß Käse. Andere Milchprodukte, Eier, und Fleisch hingegen hatten mich schon vor meiner veganen Zeit wenig interessiert, und interessierten mich auch jetzt kaum. Das änderte sich erst, als ich anfing, Trommeln zu bauen.

Bald nachdem ich das erste Mal mit einer schamanischen Trommel in Kontakt gekommen war, wusste ich, dass ich auch eine solche Trommel haben wollte. Und ich wusste gleich, dass sie aus Tierhaut sein müsste, wenn sie wirklich Kraft haben sollte. Die Trommel, die ich dann mehrere Monate später bei Niels gebaut habe, ist aus Rothirschfell, sehr kraftvoll, und bedeutet mir unsagbar viel. (Und ich wusste vorher nicht, was ein Rothirsch ist, und als ich mir Fotos im Internet anschaute um zwischen Reh-, Damhirsch- und Rothirschfell zu wählen, musste ich weinen; ebenso als ich das Fell zum ersten Mal in Händen hielt.)

Nicht lange später habe ich begonnen, mit Niels zusammen Trommeln zu bauen. Es war gerade Herbst, und damit Zeit, die neuen Felle zuzubereiten. Sowohl meine eigene Trommel, als auch Niels selbst, als auch die anderen Trommeln von ihm, denen ich begegnen durfte, hatten mich davon überzeugt, dass solche Trommeln wundervoll und wichtig sind. Ich wollte an allen Schritten ihrer Herstellung teilhaben. So kam es also, dass ich an einem sonnigen Herbsttag, noch mit meinen veganen DocMarten’s bekleidet, an einem Holzbock stand, auf den ein Hirschfell, Innenseite nach oben, festgebunden war, und mit bloßen Fingern die Fleischreste davon abzog und in einen Eimer warf.

Das Hirschfell stammte, so wie alle anderen Felle, die damals Niels und heute wir beide verarbeiten, aus den Mülltonnen des Wildfleischers in Waren. (Und ich kann sagen, dass die meisten Felle sehr gerne Trommeln werden wollen. Wenn eines das mal nicht will, nehmen wir es nicht mit.)

Es war diese Erfahrung – selber, direkt, mit meinen eigenen Händen das Fleisch vom Fell eines toten Tieres zu ziehen, die gemacht hat, dass ich mir vorstellen konnte, auch Fleisch (wieder) zu essen. Durch das Anfassen ist Fleisch für mich zu etwas Natürlichem, zu etwas Lebensnahem, zu etwas mir bekanntem, vertrautem, ähnlichem geworden.

Ich esse jetzt selten Fleisch oder Fisch (möglichst von wild lebenden oder mir bekannten Tieren), aber wenn ich es tue, dann tue ich es mit Respekt und Dankbarkeit dem Tier gegenüber, und mit dem gefühlten Wissen, dass dieses Essen mich viel stärker und unmittelbarer nährt als alle Pflanzen es könnten.

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